Interview: Künstler Alexander Göttmann für das Wolgograder Science Fiction Magazine
 

 
In Ihren Werken spielt die Linie eine wichtige Rolle – wieso?
 
Für mich ist die Linie die Grenze zwischen Licht und Dunkel, zwischen dem Objekt und dem Raum. Die Linie trennt und verbindet gleichzeitig das Vergangene mit dem Zukünftigen. Sie ist immer in Bewegung, ändert ständig ihre Form und ihren Charakter und hinterlässt ihre einmaligen Spuren in der Vergangenheit.
 
Aus welchem Grund wurde Draht zum Material für Ihre Skulpturen und wie ist es dazu gekommen?
 
Die Arbeit mit Skulpturen hat mich schon immer gereizt. Eines Tages, als ich mit meinen Schülern ein Gerüst für eine Tonskulptur baute, fiel mir auf, dass für diese Skulptur Ton nicht mehr nötig ist. Dass ich mit Draht genauso wie mit einem Bleistift oder Pinsel im Raum „malen“ kann. Das war der Anfang für diese Arbeit.
 
Die geflügelten Personen – sind es Engel, antike Götter oder einfach Menschen mit Flügeln?
 
Oh, das ist eine lange Geschichte, aber ich werde versuchen, sie kurz zu erzählen. Im Grunde sind die meisten meiner Skulpturen aus meinen Bildern entstanden. In meinen Arbeiten kommen häufig Figuren vor, die als sinnliche Gestalten mit Flügeln dargestellt werden. Geflügelte Wesen mit weiblichen Zügen, die ich als Engel der Liebe bezeichnen würde, die uns beherrschen wie Götter und uns Freude schenken und mit uns leiden. Mensch-Vogel…das begann in der Kindheit. Ich wurde geboren und wuchs auf in einem Dorf. Wenn andere Kinder Fußball oder Fangen gespielt haben, musste ich auf der Heide die Gänse hüten. Schon damals bemerkte ich, dass Vögel mit Gesten kommunizieren und ihre Launen und Wünsche durch Posen und Bewegungen ausdrücken. Später, schon in Deutschland, während meines schöpferischen Urlaubs auf der nördlichen Insel Föhr, Insel der Zugvögel, habe ich zum ersten Mal die Gestalt des Vogel-Menschen kreiert. Kurz gesagt, meine Figur ist die eines Mannes, der seine Gefühle, Wünsche und Gedanken durch die Gestalt eines Vogels ausdrückt. Die Bilderserie zu diesem Thema habe ich Mythos genannt, da die Ereignisse in den Bildern mich an die Beziehungen zwischen Menschen und Göttern in der griechischen Mythologie erinnern.
 
Wie schwer war der Übergang vom Künstlerleben in der UdSSR zu dem in Deutschland?
Haben Sie den Ort, an dem Sie jetzt leben zufällig ausgesucht oder hat Sie etwas speziell zu diesem Teil des Landes hingezogen?

 
Mit dem Umzug in ein anderes Land hat sich für mich als Künstler nicht viel geändert. Kunst bleibt Kunst, egal, wo man lebt. Es gibt überall Gegner und Befürworter dessen, was man macht. Das Wichtigste ist, man selbst zu bleiben und seine Wurzeln nicht zu vergessen. Den Ort, an dem ich jetzt lebe, hat das Schicksal für mich ausgewählt. Anders kann man das nicht ausdrücken. Ich wohne in einem kleinen, stillen Städtchen bei Aachen, nicht weit entfernt von einer Autobahn, die viele nah beieinanderliegende Kulturzentren Europas miteinander verbindet.
 
Nach Ihren Bildern und Skulpturen zu urteilen, ist das Pferd eines Ihrer Lieblingstiere. Welches noch?
 
Pferde sind Tiere, die eng mit dem menschlichen Leben verbunden sind. Es sind schöne und elegante Wesen. Aber in meinen Werken haben Pferde, sowie auch Vögel, nichts mit den Tieren an sich gemeinsam, mit ihrem Aussehen oder ihrer Rasse. Vielmehr sind es Darstellungen der menschlichen Natur, die verschiedene Gefühle und Emotionen hervorrufen.
 
 
 
 

 

 
 
 
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